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Fatalismus

Von Barbara Maey | 16. September 2021

Meine erste Auslandreise nach fast eineinhalb Jahren führte mich ins Burgund. Diese Gegend wurde im April von einer Frostwelle heimgesucht, die teilweise 80 – 90 % der Ernte zerstörte. Ungewöhnlich hohe Temperaturen gaben in der Woche zuvor den Reben das Signal zum Austreiben. Die jungen Knospen überlebten die Temperaturen von bis zu minus acht Grad nicht.

Frost im April ist kein neues Phänomen, doch häufen sich diese Ereignisse in den letzten Jahren. Wegen der Klimaerwärmung hat sich die Blüte- und Erntezeit bis zu zwei Wochen vorverschoben. Das macht den Frost im April zu einem grossen Problem.

Es ist verständlich, dass die Winzerinnen und Winzer ihre Reben, ihre Trauben, ihre Existenz schützen wollen. Die Bilder der Weinberge, in welchen nachts Fackeln brennen zur Minimierung der Schäden sind um die Welt gegangen. Grössere, finanzkräftige Betriebe haben sich gar Heizungen für die Weinberge zugelegt: Windmaschinen, die warme Luft in die Reben blasen. 150’000 Euro koste eine solche Maschine, erzählt mir ein betroffener Winzer, der selber «nur» 15’000 Euro für Kerzen ausgegeben hat. Gegen den Frost konnten weder die Gebläse noch die Kerzen etwas ausrichten.

In dieser Phase bringt der Klimawandel der Weinbauregion Burgund auch Vorteile: sofern die Trauben im Frühling nicht erfrieren, reifen sie jedes Jahr gut aus, ein Spitzenjahrgang folgt auf den anderen. Früher hätten sie immer chaptalisiert, erzählt uns Alain Gras, Winzer in fünfter Generation in Saint Romain. (Chaptalisieren? Das heisst: Zugabe von Zucker, um den Alkoholgehalt im Wein zu erhöhen. Mehr dazu demnächst.) In den letzten drei Jahrgängen sei das nicht mehr nötig gewesen. Vorläufig also bringen die höheren Temperaturen auch Gutes. Aber beliebig heiss mögen’s der Chardonnay und der Pinot Noir nicht…

Was dann? Der Einsatz von Warmwindmaschinen ist wohl etwa so fragwürdig wie die Beschneiung von grünen Hängen in Skigebieten. Auch die Kerzen können auf die Dauer nicht die Lösung sein. Es bleibt der Fatalismus: möglichst viel Burgunder trinken, so lange es ihn noch gibt.

Zur Autorin

Im Wein soll die Wahrheit liegen, sagten die Römer. Und die ist bekanntlich subjektiv – genauso wie Wein letztlich Geschmackssache ist. Barbara Maey bloggt als La Terroiriste über ihre Wahrheiten und Lieblingsweine, aber auch über Anbaumethoden und den gesellschaftlichen Umgang mit Alkohol. Viel Spass bei der Lektüre!


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